Wenn immer noch eines folgen muss

Gerade hat man sich ein neues Tattoo stechen lassen. Mit einem Strahlen verlässt man den Tattooshop und freut sich enorm über das eben gestochene Motiv. Am liebsten würde man dann gleich noch eins stechen lassen. Zumindest geht das vielen so. Ist Tätowieren eine Sucht?

Um diese Frage zu beantworten, habe ich zum einen mit meinem Bruder Jann und einem seiner Freunde, Karim, gesprochen. Sie sind beide tätowiert und haben vor, sich im Laufe ihres Lebens auch immer wieder unter die Nadel zu legen. Ausserdem durfte ich mit dem Tätowierer Werner Businger sprechen, dem das Studio «Old Century Tattoo» in Chur gehört. Um ergänzend eine medizinische Sicht auf das Thema «Sucht» zu erhalten, konnte ich mit Frau Dr. med. Cornelia Kropp-Näf sprechen. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Oberärztin bei den Psychiatrischen Diensten Graubünden (PDGR). Sie behandelt häufig auch suchtmittelabhängige Menschen. 

Wann spricht man von Sucht?
Sucht/Abhängigkeit ist ein extremes Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand, der ein Verhalten bzw. einen Substanzkonsum auslöst, der willentlich nicht mehr richtig kontrolliert werden kann. 

In der Medizin wird unterschieden zwischen den stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten. Letztere werden auch als Verhaltenssüchte bezeichnet. 

Zu den stoffgebundenen Süchten gehören zum Beispiel der Konsum von Nikotin, Alkohol, Cannabinoiden, Opioiden, Sedativa/Hypnotika, Kokain, Stimulanzien wie Koffein und Halluzinogenen. Medizinisch gibt es sechs Diagnosekriterien, von denen mindestens drei vorhanden sein müssen, damit man von einer Abhängigkeit sprechen kann: 

  • starker Wunsch, die Substanz einzunehmen
  • verminderte Kontrolle über den Konsum
  • anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen
  • dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten oder Verpflichtungen gegeben
  • Toleranzentwicklung gegenüber den Wirkungen der Substanz
  • Körperliche Entzugserscheinungen bei Reduktion oder Stopp der Einnahme (variiert je nach Substanz)
Bild: Unsplash/Michael Longmire

Stoffungebundene Süchte, die auch als Verhaltenssüchte bezeichnet werden, sind Verhaltensweisen, die eine betroffene Person nicht mehr richtig kontrollieren kann. Folgen einer solchen Sucht sind oft psychische, körperliche und finanzielle Probleme. Als Ursache einer Verhaltenssucht wird meist von einer Störung der Impulskontrolle ausgegangen. 

Ähnlich wie bei den stoffgebundenen Süchten gibt es auch bei den Verhaltenssüchten Anzeichen einer Erkrankung:

  • starkes Verlangen, der Tätigkeit nachzugehen
  • Kontrollverlust über das Verhalten (Tätigkeit kann nicht unterbrochen oder beendet werden)
  • Ausführen des Verhaltens trotz schädlicher Auswirkungen, Aufgeben von Hobbies und Interessen
  • Einschränkung des Kontakts zu Freunden und Angehörigen
  • Ausführen des Verhaltens, um Probleme zu vergessen oder sich besser zu fühlen
  • Starker Leidensdruck durch Verhaltenssucht
Bild: Unsplash/Sean Do

Gibt es so etwas wie eine Tattoosucht?
Ob es eine Tattoosucht wirklich gibt, ist fraglich. Eine medizinische Diagnose gibt es bis dato nicht. Laut Dr. med. Cornelia Kropp-Näf können beim Tätowieren  bestimmte Nervenenden und Lustzentren im Gehirn aktiviert werden und so ein angenehmes Gefühl auslösen. Es gäbe auch Menschen, die bereits beim Hören des Nadelsurrens ein wohliger Schauer überkommt, was die Lust auf ein weiteres Tattoo verstärken kann. 

«Do hesch halt eifach mega Freud dra!»
Das Wort «Sucht» wird meist eher mit etwas Negativem assoziiert, weswegen auch der Tätowierer Werner Businger diese Bezeichnung eher kritisch sieht. Grundsätzlich geht es beim Tätowieren darum, dass man am neuen Motiv Freude zeigt und nachdem man sich daran gewöhnt hat, kommt das Verlangen nach etwas Neuem. Klar, ein Tattoo kostet viel Geld und das Stechen ist schmerzhaft, aber trotzdem entscheiden sich viele Menschen nach dem ersten auch noch für ein zweites und vielleicht für ein drittes. Insofern könnte man also tatsächlich von einer Sucht sprechen, meint Werner Businger. Er selber mag den Prozess des Tätowierens an sich überhaupt nicht, doch das Gefühl und die Freude am Motiv nach dem Stechen motivieren immer wieder, ein neues machen zu lassen.

«Es ist auch ein Lebensstil»
Deutlich anders erlebt Jann den Prozess des Tätowierens. Er empfindet das Stechen als angenehm, fast schon meditativ und geniesst die Nadelimpulse unter der Haut. Natürlich zählt für ihn auch die Freude am Ergebnis, trotzdem ist es auch der Kick an sich, der ihn immer wieder zum Tätowierer gehen lässt. Trotzdem gibt es für ihn Körperstellen, die für ein Tattoo nicht in Frage kommen. Zum Beispiel das Gesicht oder den Intimbereich belässt er lieber tattoolos und das wäre auch der Punkt, an dem er sagen würde, dass es nun genug ist. Allerdings meint Jann: «Ich glaube, dieser Punkt wird bei mir nie kommen, weil ich doch immer relativ lange warte von Tattoo zu Tattoo.» Zum Thema «Tattoosucht» meint Jann, dass es diese wahrscheinlich schon gibt. Allerdings sei sie für ihn überhaupt nichts Belastendes. «Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass dein ganzer Körper tätowiert ist», so Jann. Er selbst sieht sich aber nicht als süchtig. Seinen guten Freund Karim hingegen könnte es laut Jann schon erwischt haben. Jedoch sei es bei ihm vielleicht eher eine Lebenseinstellung. 

«Wenn ich in den Spiegel schaue, ist es das Normalste der Welt!»
Der 27-jährige Karim hat sich bereits mit 18 Jahren sein erstes Tattoo stechen lassen und hat mittlerweile 13 Motive unter der Haut. Er bereut keines davon und das wird sich laut seinen Aussagen wohl auch in 30 oder 40 Jahren nicht ändern. «Ich glaube, ich werde sie in 40 Jahren nicht mehr wahrnehmen, weil: Auch wenn ich jetzt in den Spiegel schaue, ist es das Normalste der Welt.» Er ist der Meinung, dass Tätowierungen irgendwann einfach ein Teil von einem sind und man sie deshalb irgendwann nicht mehr als fremd wahrnimmt. Sich tätowieren zu lassen, ist wohl auch ein Körperkult. Deshalb will es Karim auch nicht als Suchtverhalten bezeichnen, sondern es ist eher das Ziel, eine Idee zu vervollständigen, die man im Kopf hat. 

Bild: Karim Sobhy

«Ich finde, das ist etwas, das du mit dir selber vereinbaren musst, wo eine Sucht anfängt und aufhört. Ich behaupte, es wird sicher etwas solches geben. Bei Leuten, die sich spüren müssen und daraus dann eine Abhängigkeit entstehen kann. Das glaube ich schon. Aber ob es mich gepackt hat, könnte ich dir jetzt ehrlich gesagt nicht sagen. Ich glaube, es gibt wenig Süchtige, die von sich behaupten, dass sie süchtig sind.»

Bis die Erkenntnis gereift ist, dass man süchtig ist und man wirklich spürt, dass ein Druck entsteht und man etwas ändern müsste, vergeht oft viel Zeit. Es ist laut Dr. med. Cornelia Kropp-Näf tatsächlich so, dass bei den meisten Süchtigen das Umfeld früher ein Suchtverhalten bemerkt als der Betroffene selbst. 

Karims Familie war grösstenteils begeistert von seinen Tätowierungen. Mittlerweile sind jedoch alle der Meinung, dass es langsam reichen würde. Karim jedoch sieht nach wie vor Potenzial und hat auch in naher Zukunft nicht vor, den Tätowierer zu meiden. 

Grundsätzlich kann man laut Dr. med. Cornelia Kropp-Näf sagen: Wenn das Gefühl aufkommt, die Selbstkontrolle über das Tätowieren zu verlieren oder wenn durch das Tätowieren unangenehme Gefühle wie Ängste, Frustration und Stress für den Moment verdrängt werden, ist es sicherlich gut, sich Unterstützung zu holen. Auch wenn es zu sozialen, beruflichen und materiellen Einschränkungen und Problemen kommt und subjektiv ein Leidensdruck spürbar wird, ist es empfehlenswert, Hilfe anzunehmen – unabhängig davon, ob man nun von einer Tattoosucht sprechen möchte oder nicht.